Berichte
Walter Reinhardt - *30. 08. 1917 - † 11. 01. 2009Mittwoch, 14.01.2009
Weniger als zwei Monate nach dem Tod seiner Ehefrau Ilse erlag nun auch Walter Reinhardt, viele Jahre Vorsteher der Gemeinde Herten-Mitte, einer kurzen, schweren Krankheit im Alter von 91 Jahren. Über ein Jahrzehnt hatte er die Geschichte von Herten-Mitte geprägt und nahm fast bis zum letzten Atemzug Anteil an der Entwickung und den Belangen der Gemeinde.
Walter ReinhardtAmtsträger der Gemeinde Herten-Mitte 1976 (Mitte: Walter Reinhardt)
Unmöglich erscheint es, ein über neun Jahrzehnte dauerndes Leben, beginnend in den Wirren des ersten und reifen müssend in denen des zweiten Weltkrieges, in dürr erscheinenden Worten zusammen zu fassen. Gleichwohl seien einige Streiflichter gestattet.
Geboren am 30. August 1917 und aufgewachsen zwischen den beiden Weltkriegen, lernte Walter Reinhardt, ebenso wie seine spätere Ehefrau Ilse Abiturient, seine langjährige Wegbegleiterin bereits in der Schule, dem Hertener Gymnasium, kennen und lieben. Mitten im Krieg, am 13. Februar 1943, gaben sich beide das "Ja-Wort". Die anschließende kirchliche Trauung fand im kleinen Kreis im Elternhaus von Ilse Reinhardt statt. Vor mehr als 65 Jahren wählte der evangelische Geistliche ein bezeichnendes Bibelwort für die Trauung aus:
"Ich aber und mein Haus wollen dem Herrn dienen"
(Josua 24, 25)
Danach musste Walter Reinhardt erneut die bittere Kälte des zweiten Weltkriegs - wortwörtlich im doppelten Sinne - erleben. Als Offizier in Stalingrad eingesetzt, gehörte er zu den Letzten, die aus dem mörderischen Kessel ausgeflogen werden konnten - zum Glück im Unglück als privilegierter Verwundeter.
Nach dem Krieg war Walter Reinhardt bis zur Erreichung der Altersgrenze im Bergbau tätig und erarbeitete sich dort eine verantwortungsvolle Position - zuletzt als Ausbildungsleiter.
Zuvor war er "unter Tage" tätig und bekam erste Kontakte zur Neuapostolischen Kirche über einen Arbeitskollegen. Direkte Verbindungen entwickelten sich dann nach dessen Beerdigung im Juni 1946.
Bischof Ludwig Hennrich war es dann, der diesen Kontakt weiter pflegte, so dass Walter Reinhardt im Herbst 1946 den ersten Gottesdienst in der damaligen Gemeinde Herten-Disteln besuchte. Bereits zum zweiten begleitete ihn seine Ehefrau. Seitdem hatten beide die Gottesdienste regelmäßig besucht und konnten am 16. Januar 1947 durch Bischof Hennrich förmlich in die Gemeinde aufgenommen werden. Am 24. August 1947 empfingen beide schließlich das Sakrament der Heiligen Versiegelung.
Schon früh begann Walter Reinhardt, sich aktiv in die Gemeinde einzubringen. Knapp ein Jahr nach der Heiligen Versiegelung wurde er am 25. Juli 1948 zum Unterdiakon ordiniert, ehe er am 9. Dezember 1950 berufsbedingt nach Gelsenkirchen-Resse verzog, wo er ab dem 29. März 1953 als Diakon und seit dem 12. Juli 1956 als Priester tätig war. Dort war er auch noch tätig, als am 5. April 1968 die neue Kirche gegenüber der Hertener Feuerwache eingeweiht wurde. Im Einweihungsgottesdienst, den Apostel Schiwy hielt, gab dieser der neuen Kirche den Namen "Zum guten Hirten" - eine Bezeichnung, die inzwischen historische Bedeutung gewonnen hat: Walter Reinhardt war es nämlich, der als Nachfolger des langjährigen Vorstehers und Bezirksevangelisten Rudolf Lucaß am 22. April 1970 mit der Gemeindeleitung beauftragt wurde und gleichzeitig das kirchliche Amt eines "Hirten" empfing. Zu Hirten ordiniert wurden auch die späteren Nachfolger Michael Timmerberg und Raimund Gauert; zudem gingen aus der Gemeinde drei weitere Hirten als Vorsteher anderer Gemeinden hervor: Hirte Heinz Ohmenzetter als Vorsteher der Gemeinde Resse-West, Hirte Helmut Ramfort als der von Dülmen und Hirte Hans-Jürgen Mochalski als der von Gelsenkirchen-Hassel.
Walter Reinhardt, der nach der Übernahme des Amtsauftrages zügig von Gelsenkirchen-Resse nach Herten verzog, um der Gemeinde näher zu sein, leitete diese in einer lebhafter und bunter werdenden Zeit mit väterlicher Sorgfalt und Gelassenheit. Seine Sorgfalt und Genauigkeit in der Amtsführung glitt nie in Pedanterie oder Kleinlichkeit ab, sondern war stets von warmer Zuneigung und Lebensweisheit geprägt. Diese Haltung bewahrte er sich auch weit über den Ruhestand hinaus: Nie war zu spüren, dass er Belange um seine Person in den Vordergrund schieben wollte. Fürsorge für seine Frau, die Familie und alle, die Begegnung mit ihm haben durften, waren sein Markenzeichen. Selbst zu den Kleinsten pflegte er einen unaufdringlichen, liebenswerten Kontakt. So mancher wird es vielleicht noch in Erinnerung haben, dass er bei Gesprächen vorsichtig mit dem Zeigefinger auf die Nasenspitze der Kleinen tippte - als behutsam-zärtliches Signal eines geistigen Vaters von Vielen.
Unter Walter Reinhardt erreichte die Gemeinde Herten-Mitte ihr größtes Wachstum: 1973 zählte sie 411 Mitglieder.
Am 30. August 1982 vollendete Hirte Reinhardt sein 65. Lebensjahr - ein Alter, in dem der Ruhestand langsam am Horizont aufsteigen sollte. So verabschiedete Apostel Hermann Magney den langjährigen Vorsteher am 27. April 1983 in den verdienten Ruhestand. Nachfolger wurde Priester Michael Timmerberg, am 13. November 1985 ebenfalls zum Hirten ordiniert.
Mit seiner Ehefrau durfte Walter Reinhardt am 13. Februar 2008 den Segen zur seltenen Eisernen Hochzeit empfangen. Zum 65. Ehejubiläum besuchte Apostel Christian Schwerdtfeger das Jubiläumspaar in deren Altersdomizil, dem Seniorenzentrum "Gertrudenau". In einem feierlichen Rahmen vor etlichen Glaubensgeschwistern und Familienmitgliedern durften beide noch einmal im Spätherbst des Lebens "auftanken".
Walter Reinhardt, seit geraumer Zeit ältestes männliches Mitglied der Gemeinde Herten-Mitte, hinterlässt eine sichtbare Lücke. Sein noch bis vor wenigen Tagen direkt in der ersten Kirchenbank eingenommener Sitzplatz ist in seiner Leere ein Zeichen des Verlustes, des Abschieds, aber auch der aus dem Glauben heraus getragenen Zuversicht: Es wird eine Gemeinde geben, in der wieder alle Plätze besetzt sein werden.
Mit seinen beiden Söhnen Michael und Ulrich, den Schwiegertöchtern, Enkel- und Urenkelkindern trauern die Gemeinde Herten, aber auch viele Freunde und Begleiter aus alter und neuerer Zeit.
Gelegenheit, Abschied zu nehmen und Trost zu empfangen besteht am Samstag, dem 17. Januar 2009.
Um 10.00 Uhr wird die Beisetzung auf dem Distelner Friedhof ("Über den Knöchel") stattfinden. Anschließend erfolgt ein Trostgottesdienst um 11.00 Uhr in der Neuapostolischen Kirche Herten-Mitte, An der Feuerwache 24.
Ein guter, edler Mensch, der mit uns gelebt, kann uns nicht genommen werden, er lässt eine leuchtende Spur zurückgleich jenen erloschenen Sternen, deren Bild noch nach Jahrhundertendie Erdbewohner sehen.
(Thomas Carlyle)
ANDREAS HEBESTREIT
