Glaube und Kirche
Zweifelsfrei sicher? - Anmerkungen zu einem Spannungsfeld Dienstag, 08.04.2008
In unserer heutigen Gesellschaft erleben wir häufig eine religionsfreundliche (!) Gottlosigkeit, eine starke Bedürfnis- und unverbindliche Lebensorientierung, mangelndes Schuldbewusstsein und eine zunehmende Beziehungslosigkeit. Daraus resultieren Unsicherheiten, Ängste und eine gewisse Orientierungslosigkeit.
Neben diesen Faktoren der „Außenwelt“ wirken häufig „interne“ auf uns ein, wie etwa bevorstehende Veränderungen, kritische Auseinandersetzungen mit kirchlichen Standpunkten und Strukturen oder uneinheitliche Aussagen zu fundamentalen Fragestellungen.
Im Spannungsfeld dieser Einflüsse ist das menschliche Grundbedürfnis nach Sicherheit einer steten Beeinträchtigung ausgesetzt und äußert sich unter diesen Beeinflussungen – je nach Prägung – in völlig unterschiedlichen Verhaltensformen. Die nachfolgenden Anmerkungen beleuchten das Thema punktuell von einigen Seiten.
Nähert man sich dem Begriff der „Sicherheit“, gibt es sicherlich unterschiedliche Definitionen - je nach perspektivischem Standpunkt des Betrachters.
Ein mehr oder weniger allgemein gültiger Satz kann daher zum Beispiel lauten:
"Sicherheit ist ein in Erfahrung gegründetes und sich bestätigendes Gefühl, von gewissen Gefahren nicht getroffen zu werden".
Sicherheit im Alltag kann jedoch nicht umfassend und ohne Doppeldeutigkeit beschrieben werden. Gerade deshalb ist es wichtig, einige Grundsätze der Sicherheit zu kennen, Grundsätze, die schnell deutlich machen, dass Sicherheit nur ein relatives Gut ist. So lauten Erfahrungssätze etwa:
• Es gibt keine 100%ige Sicherheit.
• Sicherheit kann nie bewiesen werden, sondern nur Unsicherheit.
• Sicherheit ist nicht das Ziel, sondern der Weg.
Diese kurzen Anmerkungen machen deutlich, dass Sicherheit zumindest im außerreligiösen Bereich nur ein relativer und erschütterbarer Zustand ist.
Soweit der Begriff „Sicherheit“ demgegenüber in Bezug gesetzt wird zum Glauben, sei zunächst darauf aufmerksam gemacht, dass dieser nicht nur ausschließlich positiv besetzt ist, sondern durchaus auch eine negative Komponente enthält im Sinne einer „trügerischen Sicherheit“ (vgl. etwa Büchner, Handkonkordanz Stichwort „Sicherheit“; 1. Thessalonicher 5, 3: „Wenn sie sagen werden: Es ist Friede, es hat keine Gefahr-, dann wird sie das Verderben schnell überfallen…“; vgl. auch das Gleichnis vom reichen Kornbauern, Lukas 12, 16 ff.).
Eine mögliche Ursache der Unsicherheit sind nicht bewältigte Zweifel - wobei dahingestellt bleiben kann, ob sich diese aus der Sicht Dritter als berechtigt oder unberechtigt darstellen, da die Außensicht nicht die eigene Wahrnehmung ersetzen kann, sondern diese allenfalls beeinflusst. Insoweit lauten einige klassische Fragen:
„Wenn ich sicher wäre, dass es Gott wirklich gibt...“
„Das kann mir doch niemand beweisen! Wenn ich einen Beweis hätte, dass es die Auferstehung von den Toten gibt, würde ich…“
„Was hat es noch für einen Wert, an Jesus Christus zu glauben?“
Zweifel, überall Zweifel. Kann man überhaupt zur Gewissheit kommen?
Zweifel gehören zum Leben. Sie prägen unsere Gesellschaft, unser eigenes Denken, unsere Art, das Leben zu bewältigen und helfen uns, in einer ständig sich ändernden Welt zurecht zu finden. Menschen, die von sich behaupten, nie zu zweifeln, sondern auf alles eine Antwort zu haben, wären irgendwie unheimlich. Aber der Zweifel kann auch ganz schön auf „den Magen schlagen“, wenn er uns Glaube und Hoffnung raubt. Werfen wir einige Schlaglichter auf ihn:
Lob dem Zweifel?
Der Philosoph René Descartes gilt als ein Vater des grundsätzlichen Zweifels im Denken des modernen Menschen und der Wissenschaft:
„Zweifel ist der Weisheit Anfang.“, so lautet eine der Kernaussagen, die auf ihn zurückgeführt werden. In der beginnenden Aufklärung und der von ihr beeinflussten Naturwissenschaft ist der Zweifel Methode der Wissenschaft und letztlich auch der Lebensbewältigung. Und insoweit muss man auch feststellen, dass unsere moderne Welt mit all den Annehmlichkeiten ohne diesen wissenschaftlichen, das heißt den methodischen Zweifel, nicht denkbar wäre.
Dumme Christen?
Dieser wissenschaftliche Zweifel der Philosophie fand schließlich auch seinen Weg in die Theologie. Die Bibel verlor mit der Zeit ihre uneingeschränkte Autorität. Wundergeschichten galten zum Teil als unglaubwürdig. Der sich vertrauensvoll an Gott wendende Glauben wurde und wird in der Allgemeinheit in weiten Teilen gerade noch als ein „menschliches religiöses Gefühl“ akzeptiert.
Die Überzeugung, dass Gott die Welt geschaffen hat, dass Jesus Christus von den Toten auferstanden ist, gilt vielen als unverbesserlicher Kindheitsglaube einiger weniger „einfältiger“ Christen.
Doch, es gibt Gott!
„Es gibt keinen Gott“ und „Doch, es gibt Gott!“ sind und bleiben zwei völlig verschiedene, konkurrierende Konzepte, die Welt und den Menschen zu verstehen.
Aus diesen Gründen ist es wichtig, bei der Entscheidung für ein Leben mit dem Glauben an Gott über ein sicheres Fundament zu verfügen.
Das Fundament ist, so wissen wir es aus der Bautechnik, das wichtigste Bauteil eines Gebäudes. Auf ihm ruht alles, und es trägt alles. Ein Haus mag noch so schön sein, es mag eine elegante Fassade besitzen, die wunderbarsten Fliesen, die herrlichsten Fußböden und die beste Heizung – wenn kein Fundament da ist, hat alles keine Bedeutung. Mit dem Fundament steht und fällt das ganze Bauwerk.
Das zeigt sich ganz besonders in Erdbebengebieten. Es ist interessant zu beobachten, dass ein Erdbeben z. B. in Kalifornien weit weniger Schäden anrichtet als ein gleichstarkes Beben in ärmeren Ländern des Nahen oder Fernen Ostens. In den Gebieten der Dritten Welt braucht es ein, zwei Erdstöße, und ganze Dörfer, manchmal sogar Städte sind dem Erdboden gleich gemacht, und es gibt viele Tote. Bei einem ähnlichen Beben etwa in San Francisco oder Los Angeles beklagt man auch ein Unglück, aber es hält sich doch mit erheblich weniger Toten und Verletzten relativ in Grenzen.
Der Unterschied liegt, so wissen wir, im Wesentlichen an der Gründung der Häuser.
Wenn es nun schon bei Häusern aus Stein und Beton so wichtig ist, dass sie gut gegründet sind, wie viel wichtiger ist es dann, dass unser geistiges Leben einen festen Grund hat! Worauf bauen wir unsere Hoffnungen? Worauf bauen wir unser Glück, auf welchem Fundament unsere Zukunft? Das sind die wichtigsten Fragen des persönlichen Lebens.
Wenn man keine tragfähige Grundlage in seinem Leben hat, dann bricht es eines Tages zusammen wie ein Kartenhaus. Schon ein paar kleinere "Erdstöße", ein kleines, mittleres oder großes Beben im Leben machen offenbar, worauf man steht und gegründet ist.
Viele fragen: "Warum brauchen wir Jesus? Warum brauchen wir das Evangelium? Warum brauchen wir Gott? Warum müssen wir dieses christliche Fundament haben? Es geht doch alles auch so ganz gut."
So ist es mit dem menschlichen Leben - wenn die Krisen kommen, stellt sich heraus, wie das „Haus“ beschaffen ist. Was macht man dann, wenn das Leben gerüttelt und geschüttelt wird, wenn das Lebensglück auf einmal in Trümmern niedergeht? Was macht man, wenn die Ehe zerbricht, wenn Enttäuschung, Armut, Krankheit und Tod hereinbrechen?
Jesus erzählt am Ende seiner Bergpredigt ein wunderbares Gleichnis, das exakt in dieses Bild passt:
"Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet. Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, da fiel es ein, und sein Fall war groß" (Matthäus 7,24-27).
Jesus weiß also etwas von Unwettern in unserem Leben. Und Er mahnt dringend an, unser Haus auf Fels zu gründen, d. h. es nicht ohne Fundament zu bauen. Sonst ist unser Lebensgebäude nicht standfest.
Es muss ein bestimmtes Fundament sein
Nun sagt uns die Bibel, dass das Fundament für unser Leben ein ganz bestimmtes sein muss. Paulus beschreibt es so: "Einen andern Grund kann niemand legen." Es ist nur ein Grund, "der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus." (vergleiche 1. Korinther 3, 11). Die Bibel formuliert also einen Alleinanspruch. Außer Jesus Christus gibt es kein tragfähiges Fundament, sagt sie. Sie verkündigt uns einen Herrn, der allein "der Weg, die Wahrheit und das Leben" ist. "Niemand kommt zum Vater denn durch mich" (Johannes 14,6).
Der Grund heißt Jesus Christus.
Hierüber gehen die Meinungen natürlich auseinander.
Für viele ist ein anderes Fundament wichtig – Geld, Besitz, Vermögen, berufliche Karriere. Manche vertrauen auch auf eine gute Versicherung oder ein zu erwartendes Erbe. Etliche leben auch einfach nur in den Tag hinein.
Viele Menschen meinen tatsächlich, dass sie sich gegen alles versichern können. Das ist ihr Fundament, darauf bauen sie – für alle Fälle des Lebens. Andere vertrauen auf ihre Ausbildung, auf ihre Weltanschauung, auf ihre Ideale. Und dann gibt es auch Leute, die sicherheitshalber Mitglied in der Kirche bleiben, denn man kann ja nie wissen, was nach dem Tode kommt – und die Beerdigung ist dann gleich mit abgesichert…
Diese und andere Lebensfundamente mögen gut klingen, aber sie versagen in der letzten Konsequenz. Ein anderes sicheres außer der Lehre Christi als Fundament gibt es nicht. "In keinem andern ist das Heil, es ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, darin sie gerettet werden sollen" als allein der Name Jesus (Apostelgeschichte 4,12).
Darum spricht Gott, der Herr: "Siehe, ich lege in Zion einen Grundstein, einen bewährten Stein, einen kostbaren Eckstein, der fest gegründet ist.“ „Wer glaubt", nämlich an diesen Grundstein, "der flieht nicht" (Jesaja 28,16). Mit anderen Worten: Der bekommt keine Panik, der ist nicht unruhig, sondern der hat Frieden im Herzen. Wer an diesen kostbaren, bewährten Eckstein glaubt, ist nicht auf der Flucht und sucht nicht mehr, sondern er hat gefunden und wird getragen.
Zweifel = Unsicherheit = Schwachheit?
Wenn es doch nur so einfach wäre mit der Sicherheit und diesem Fundament.
Wir wissen: Zweifel durchziehen nahezu alle Felder des Lebens. Niemand wird sich davon freimachen können, Aussagen eines Dritten oder bisherige eigene Standpunkte zu hinterfragen.
Mit dem Wort - mit dem eigenen und dem fremden - machen wir darüber hinaus sehr disparate Erfahrungen. Wir brauchen nur an die Äußerungen der sogenannten Wortführer unserer Gesellschaft zu denken. Politikern vor der Wahl und Wirtschaftsführern bei ihren Prognosen und Versprechungen ist nicht zu trauen – so jedenfalls lautet das Ergebnis immer wieder bei Umfragen, und die Tatsachen nach der Wahl bestätigen häufig die Befürchtungen.
Man soll uns ernst nehmen – nehmen wir auch andere ernst? Und nehmen wir uns auch selbst ernst, bei dem, was wir sagen? Dieses um sich greifende Misstrauen Worten gegenüber macht übrigens auch die Verkündigung des Evangeliums schwer, auch dem Wort des Evangeliums wird hin und wieder misstrauisch begegnet.
Ein Beispiel, wie diesem Misstrauen mustergültig begegnet werden kann, liefert uns Jesus Christus selbst – in der Begebenheit aus Johannes 20, 24 ff, bekannt unter dem vorverurteilenden und damit falschen Schlagwort „der ungläubige Thomas“.
Thomas war der, der mutig genug war, seine Glaubenszweifel auszusprechen. Dieser Mut wurde von Jesus selbst nicht als etwas Unmögliches abgetan, nicht als etwas, was nicht sein darf. Vielmehr ließ Jesus sich auf die Herausforderung des Thomas ein und zeigte ihm seine Wundmale. Thomas äußerte sich daraufhin dankbar mit den Worten "Mein Herr und mein Gott!" (vergleiche Johannes 20, 28).
Es war also die Begegnung mit dem Auferstandenen, die allem Zweifeln des Thomas den Boden entzog, die Begegnung inmitten der Gemeinschaft mit den anderen Jüngern.
"Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen!" macht in diesem Kontext deutlich, dass eine Gemeinschaft, die sich im Namen Jesu Christi versammelt, die Chance bietet, aus dem in ihrer Mitte geäußerten Zweifel ein Bekenntnis werden zu lassen. So wie damals Thomas weder von den anderen Jüngern angegriffen, noch aus ihrer Mitte verbannt wurde, sollten auch wir aus einem richtig verstandenen Ansatz der Nächstenliebe heraus keinesfalls meinen, die Zweifler los werden zu müssen, in der Mitte keine Zweifler zu dulden, sie zu verdrängen. Wer so handelt, würde ihnen die Chance rauben, neue und auch tiefere Glaubenserkenntnisse zu sammeln.
Wichtig ist hierbei jedoch eins:
Es geht um den Glauben und der Zweifel darf nicht zum Selbstzweck werden.
Deshalb müssen auch die Zweifler ein kritisches Wort hören: Thomas aber – so heißt es im ersten Vers – war nicht da, als Jesus kam (vergleiche Johannes 20, 24). Wo war er? Hat ihn sein Zweifel in die Isolation getrieben? Wohl wahr: In einer Gemeinschaft, in der alle glauben oder zumindest den Anschein erwecken, als würden sie glauben, da wird der Zweifler einsam und fühlt sich fehl am Platz.
Und so bringt sich sowohl die Gemeinschaft um ein Bekenntnis, wenn sie sich die Zweifler vom Leibe hält, wie auch der Zweifler sich um ein Bekenntnis bringt, wenn er sich die Gemeinschaft vom Leibe hält.
Da aber, wo Zweifel und Fragen geäußert werden dürfen (wir nennen das heute „Gesprächskultur“), da kann auch der Zweifler eine Gemeinschaft finden, die ihn trägt und ihm wieder zum Glauben hilft. Das Wort Jesu am Ende der Geschichte gilt denn auch beiden, den Zweiflern und den Glaubenden: "Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!" – glauben, dem Wort eines anderen.
Thomas wollte damals im wahrsten Sinne des Wortes "BE-GREIFEN", er wollte einen Beweis dafür, dass der Auferstandene lebt. Das ist uns nicht fremd, Beweise haben zu wollen im Blick auf den Glauben. Wir gehen davon aus, dass alles, was bewiesen werden kann, wirklich und richtig und eindeutig und wahr ist. Wir tun zwar immer so, als wären wir Rationalisten und nur was gemessen, gewogen und einen Beweis erbringt, sei wirklich und bedeutsam.
Wunderlicher Weise leben wir ganz anders, wunderlicher Weise leben wir viel mehr von dem, was nicht bewiesen werden kann. Die wesentlichsten und bedeutsamsten Dinge unseres Lebens sind gar nicht beweisbar, in den wesentlichsten und wichtigsten Dingen, die unser Leben betreffen, muss man dem Wort eines Anderen glauben.
"Ich liebe Dich!", sagt jemand... Wie wollen wir das messen, wie wollen wir das unter einem Mikroskop sezieren? "Du kannst mir vertrauen!" sagt jemand. Wie wollen wir das analysieren und abwiegen?
Wo es um das Wort eines anderen geht, wo Vertrauen nötig ist, da erlebt man die Wahrheit nicht, indem man meint, sie messen zu müssen; da erlebt man die Wahrheit nur, wenn man sich darauf einlässt – nicht auf Distanz, nicht auf Abstand.
Es stimmt, was Jesus gesagt hat: Selig sind, die nicht sehen, die nicht messen, die nicht abwiegen wollen, selig sind die doch glauben – manchmal auch gegen den Augenschein.
ANDREAS HEBESTREIT
