Glaube und Kirche

Verzeihen - ein Werk der Barmherzigkeit Montag, 01.09.2008

„Jeder sagt, Verzeihen ist eine wunderbare Idee - bis er selbst etwas zu verzeihen hat.“ Der unbekannte Verfasser von diesem Aphorismus trifft eine Tugend wie einen Nagel auf den Kopf: Schnell sind wir dabei, nach Verzeihung oder der Bitte um Entschuldigung zu rufen, wenn uns selbst oder Dritten (scheinbar) Unrecht zugefügt wurde. Nur: Sind wir selbst in der Position desjenigen, von dem „Verzeihen“ eingefordert wird, versagen wir häufig kläglich.


Verzeihen geht stets einher mit einer Verletzung, dessen Ursache unterschiedlichster Natur sein kann.

 

Mancher wird nicht gehört, wenn er Wichtiges zu sagen hat.

Mancher wird gerade in dem Moment verletzt, in dem er sich nicht wehren kann oder eine Phase der Schwäche durchleben muss.

Mancher muss erleben, dass Menschen, die ihm viel bedeuten, in den Dreck gezogen werden.

Mancher erkennt, dass in seinem Umfeld schamlos gelogen wird – und die Wahrheit lässt sich nicht an`s Licht befördern.

Mancher wird von Menschen bitter enttäuscht, die ihm viel bedeutet haben.

 

„Verzeihen“ hat also stets eine Vorgeschichte. Eine, die mit dem Berühren oder Verletzen eines empfindlichen Punktes zu tun hat.

 

Der Schmerz der Verletzung und die - im wahrsten Wortsinne – Getroffenheit machen es dem, der sich in der potentiellen Position des Verzeihenden befindet, doppelt schwer, über versöhnliche Gesten nachzudenken.

 

Diese quälende und sich kaum selbst auflösende Ausgangssituation mündet letztlich in zwei möglichen Reaktionsmustern: Der Verletzte sucht nach Gründen, die ihn in seiner ablehnenden Haltung gegenüber dem Verletzenden bestärken – oder aber er vergräbt sich in seinen Gedanken, die um die Suche nach einer Wiederherstellung der Harmonie kreisen. Häufig, ohne den richtigen (Aus-)Weg aus dem Laufrad zu finden, in dem man sich bewegt.

Der dritte – leider wenig rühmliche Weg – ist der der „Retourkutsche“. „Mit gleicher Münze heimzahlen“ wird hier zum selbstgerechten Motto, dem archaische Verhaltensformen anhaften.

 

Alle Reaktionen sind menschlich. Sie zeugen zunächst von Betroffenheit, aber auch von Sensibilität. Und das ist im ersten Ansatz gut so. Eine Welt, in der auf (emotionale) Verletzungen nicht mehr reagiert wird, wäre kalt, unmenschlich, unerträglich.

 

Die Gefahr dieser Verhaltensformen besteht darin, dass der Verletzte sich nicht mehr befreien kann aus dem Käfig seiner Gedanken um die Verletzung.

 

Sicher, es wäre auch einfach, einen scheinbaren Königsweg zu finden: Den des Vergessens. Den des Versuchs, „Gras wachsen zu lassen“ über die Verletzung. Nur: Verdeckt das Gras wirklich alles bei einer nächsten Begegnung mit dem unangenehmen Mitmenschen? Dieses Immunisierungsverhalten ist höchst anfällig und unter dem Strich kaum tauglich, dem Verzeihen zu entkommen.

 

Vergessen, verzweifeln, vergelten – im Ergebnis also keine Lösungswege, die unter christlicher Prägung annehmbar erscheinen.

 

Um aus dem Kreislauf der Emotionen auszubrechen und inneren Frieden zu finden, ist es regelmäßig erforderlich, eine Lösung zu finden, die zunächst brutal erscheint: Es ist der Weg der friedvollen Auseinandersetzung mit dem Antagonisten.

 

Schon Josef`s Brüder, die ihn, Josef, aus Neid verraten hatten, wollten ihrem Bruder die Nachricht zukommen lassen: „Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Misstat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters!“ (1. Mose 50, 17) Die Doppelung der Bitte und das Ausrufungszeichen am Ende verdeutlichen sprachlich die Intensität des Wunsches nach Vergebung, Verzeihung. Und sie verdeutlichen auch eins: Die Verzweifelung auf der anderen Seite, der der Verletzenden – ein Faktor, der selten in die Waagschale geworfen wird.

 

Es ist also nicht so einfach, eine Verletzung zum Heilen zu bringen. Sie lässt sich weder wegwischen noch abstreifen, vor allem dann nicht, wenn sie zu tief gegangen ist. Ausweichen gilt nicht. Jesus prägte zu dem sich aufdrängenden Prinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ sogar den Satz: „Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.“ (Matthäus 5, 39)

 

In dieser Aussage verbirgt sich nicht der Aufruf zum unsinnigen Leiden. Vielmehr macht er eins deutlich: Nicht zurückschlagen! Nicht wegducken! Stehe zu deiner Verletzung! Zeige der anderen Seite, dass du getroffen bist. Zeige deine Verletztheit. Ziehe dich nicht zurück!

 

Jesus macht deutlich: Wer sich so verhält, ist einer, der gewillt ist, das Blatt zu wenden. Nicht, weil er nach weiterem Leid schreit. Sondern deswegen, weil er seine Verletztheit und damit ein anderes Gesicht zeigt. Weil er den anderen überrascht mit einer nicht erwarteten Sichtweise. Und weil ein solcher den Boden bereitet für eine erwachsende Kraft zum Versöhnen ohne Vergeltung.

 

„Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ konnte Jesus selbst unter dem Leid am Kreuz noch aussprechen. Diese Kraft zum Verständnis – letztlich zur Schwäche des Verletzenden – ist vorbildlich, aber auch schwer, jedoch oft auch der einzige Weg, Verletzungen zu heilen.

 

Bei genauer Betrachtung zieht sich dieser schwere Weg durch die ganze Heilige Schrift.

 

„Herr, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben?“ fragte Petrus und schätzte, dass es vielleicht ausreiche, es siebenmal zu tun (Matthäus 18, 21). „Siebzigmal siebenmal“ antwortete Jesus und zeichnete damit einen Königsweg vor.

 

Dieser löst sich am Ende auf in der Gleichung aus dem bekannten Gebet „Unser Vater“:

 

„Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“ (Matthäus 6, 12) lehrte Jesus. Hiermit sitzt der nicht vergeben Wollende in der Falle: Wer nicht vergibt, kann auch von Gott keine Vergebung verlangen. Nicht verzeihen zu wollen, hat neben dem nicht heilenden Schmerz also auch noch einen weiteren Preis. Christen sind es gelehrt, beide Preise nicht zahlen zu müssen: Durch Verzeihung, einem Werk der Barmherzigkeit.

Andreas Hebestreit