Glaube und Kirche
Wertschätzung Sonntag, 24.08.2008
"Wertschätzung bezeichnet die positive Bewertung einer anderen Person. Sie gründet auf eine innere allgemeine Haltung anderen Menschen gegenüber. ...
Wertschätzung ist oft verbunden mit Respekt, Achtung, Wohlwollen und Anerkennung und drückt sich aus in Zugewandtheit, Interesse, Aufmerksamkeit, Freundlichkeit.", so heißt es in Auszügen in der Definition zu "Wertschätzung" in der freien Internet-Enzyklopädie "Wikipedia".
Wertschätzung. Ein Begriff, der so nicht in der Heiligen Schrift zu finden ist, dessen ungeachtet aber keinen Bedeutungsverlust erleidet. Im Gegenteil: Die Bibel berichtet von vielen Erweisen der Wertschätzung. Einprägsam sind vor allem die, die Jesus den Menschen, seinem Nächsten, erweist.
"Ich habe Ägypten für dich als Lösegeld gegeben [...], weil du in meinen Augen so wert geachtet und auch herrlich bist und weil ich dich lieb habe",
berichtet Jesaja (Jes. 43, 3, 4) und umschreibt damit eine Aussage Gottes selbst, die seine Haltung gegenüber seinem Volk ausdrücken soll.
Interessant, nein, sogar der Schlüssel zu dem Geheimnis der Wertschätzung Gottes ist, dass diese sich nicht objektiv messen lässt an einer der Wertschätzung gleichwertig gegenüberstehenden Leistung: Gott schenkt seine Zuneigung aus Liebe, nicht um eines Verdienstes willen.
Und bezeichnend ist auch, dass Wertschätzung in der Heiligen Schrift überwiegend denen zuteil wird, die so gar nicht "auf Augenhöhe" mit demjenigen zu stehen scheinen, der den Wert schenkt.
Aufschlussreich sind zwei Begegnungen, die Jesus zugeschrieben werden und seine Art der Wertschätzung vortrefflich umschreiben.
Eine davon ist die mit der "Frau am Jakobsbrunnen" (vgl. Joh. 4, 5 ff.). Diese Geschichte ist eine wunderbare Parabel darüber, wie ein Mensch inmitten unerfüllter Sehnsucht eines schwierigen Lebens neue Frische und Tiefe gewinnt. Sie ist aber auch eine inhaltsreiche Beschreibung der Art und Weise, wie Jesus mit den Menschen umgeht, die zu ihm kommen oder zu ihm geführt werden, wie er sich beschenken läßt und selbst zum Geber und zur Gabe wird. Jesus ist der Meister am Brunnen, der die Schranken fallen läßt und die Grenzziehungen überwindet zwischen Juden und Samaritern, Recht- und Irrgläubigen, Suchenden und Sicheren.
Seine Liebe ist immer schon einen Schritt voraus und fragt nicht nach vorzuweisenden Werken oder Werken. Auch wenn es so scheint, dass Jesus anknüpft an das ihm gereichte Wasser, ist doch erkennbar, dass die Zuneigung Jesu Christi und die daraus erwachsende Wertschätzung der Frau gegenüber nicht abhängig ist von ihrer Tat (die sie vielleicht gar nicht getan hat, denn die Heilige Schrift berichtet nicht davon, dass die Frau überhaupt dazu kam, Jesus "das Wasser zu reichen"), sondern bedingungslos festgemacht ist an seiner Liebe den Menschen gegenüber - stellvertretend der Frau entgegengebracht. "Der Brunnen ist tief", sagt die Frau, und beschreibt damit möglicherweise mehr das Wesen des Herrn als den Zustand des Brunnens.
Ein weiteres Beispiel der Wertschätzung denen gegenüber, die man so leicht übersieht oder die sogar lästig erscheinen, findet sich in der sog. "Segnung der Kinder" in Matthäus 19, 13 ff.
Unbequem erschienen sie, die Kinder, die zu Jesus gebracht wurden und den Jüngern ein anfängliches Ärgernis waren. Auch hier war der Herr in der Lage, die Kleinen in seiner Perspektive wahrzunehmen und ihnen eine Größe zu verleihen, die ungewohnt erschien. "Lasset die Kinder und wehret ihnen nicht, zu mir zu kommen; denn solchen gehört das Himmelreich.", sagte Jesus und segnete sie. Gleichzeitig statuierte er ein Exempel, denn noch kurz zuvor hatte er den Jüngern etwas deutlich gemacht, was sie nicht hinreichend begriffen zu haben schienen. Bei dem Rangstreit der Jünger, wer denn wohl der Größte im Himmelreich sei (vgl. Matth. 18, 1 ff.), rief Jesus nämlich bereits ein Kind zu sich und stellte es in die Mitte und sprach zu den Jüngern: "Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen."
Diese Begebenheiten sind richtungsweisend für uns, vermitteln sie doch, dass für Wertschätzung eins sicher nicht erforderlich ist: Ein Gegenwert. Und sie vermitteln auch, dass zwei Dinge wesentlich sind: Eine veränderte Perspektive (über Kinder kann man schnell hinwegsehen - schon allein wegen der körperlich bedingten anderen Augenhöhe) und eine nicht an Bedingungen festgemachte Liebe zu allen - insbesondere zu denen, die sich nicht so sehr in unseren Fokus rücken, weil sie unscheinbar sind.
Anders sehen, Werte im Unscheinbaren erkennen, sie erhöhen - das lehrt uns Jesus. Wir haben hier noch viel zu tun.
Andreas Hebestreit
