Glaube und Kirche

Entschleunigung Dienstag, 24.06.2008

"Alles rennet, rettet, flüchtet" dichtete Friedrich von Schiller vor vielen Jahrzehnten im Lied von der Glocke und beschrieb mit diesem geflügelten Wort die Reaktionen der Menschen auf einen unkontrollierbaren Brand. Auch - oder sogar gerade - heute scheint es häufig, als befinde sich die Menschheit in einer steten Hetze. So, als würde es irgendwo "brennen". "Gut Ding will Eile haben" ist das neu definierte Motto des 21. Jahrhunderts geworden - und dieser Hektik den Kampf anzusagen gar nicht so einfach.


Dabei scheint es bei näherer Betrachtung durchaus so, als sei das Phänomen einer in Eile befindlichen Gesellschaft gar nicht so neu: "Wo man nicht mit Vernunft handelt, da ist auch Eifer nichts nütze; und wer hastig läuft, der tritt fehl." konstatierte Salomo, dem die Sprüche zugeschrieben werden, in Kap. 19, 2.

Und er setzte noch eins oben auf - mit einer kleinen Spitze gegen die Schnellredner der damaligen Zeit: "Siehst du einen, der schnell ist zu reden, da ist für einen Toren mehr Hoffnung als für ihn." (Sprüche 29, 20) Wir können dahingestellt sein lassen, ob dieser Satz den Schnellsprechern oder den "Ich-denke-erst-nach-dem-Reden-nach"-Zeitgenossen galt. Fakt ist: Langsamkeit hat ihre Vorteile und ist, allen olympischen Disziplinen zum Trotz, eine Tugend. So schrieb Jakobus in seinem Brief: "Ihr sollt wissen, meine lieben Brüder: Ein jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn." (Jakobus 1, 19)

Solche Aussagen erscheinen in unserer Zeit, die geprägt ist von Multi-Tasking, elektronischen und zum Teil vernetzten Terminkalendern, permanentem Termindruck und der Sucht, möglichst viel in möglichst wenig Zeit zu erledigen, extrem frustverdächtig. Schnelle Autos, schnelle Computer, DSL-16.000-Anschluss, keine Wartezeiten - das ist "in".

Dabei lässt sich eins sicher nicht im Zeitraffer erledigen: Das Glaubensleben.

Mal eben die Stille suchen, mal schnell den Nächsten lieben, mal eben jemandem zuhören, kurz eine Predigt konsumieren - das passt nicht. Wer sich hier weiterentwickeln will, muss bewusst die Bremse treten und der Hektik den Kampf ansagen. "Entschleunigung" ist angesagt. Und das ist leichter gesagt, als getan. Schaffen wir es, konsequent etwa eine Viertelstunde früher aufzustehen, damit Zeit bleibt, den Tag in Ruhe zu beginnen, nicht im Stehen zu frühstücken, dabei die Zeitung zu lesen und erste SMS zu beantworten? Schaffen wir es, bewusst langsamer zu reden, dem anderen zu zeigen, dass man sich Zeit lässt für das Gespräch, Dinge zu sagen, die nicht direkt zu unserem Kernanliegen im Gespräch dienen? Schaffen wir es, beim Einkauf einmal bewusst zu schlendern, vom Schnitzel kleinere Stücke abzuschneiden und in Tempo-30-Zonen wirklich 30 zu fahren? Schaffen wir es, uns beim Discounter nicht zu ärgern, wenn die andere Schlange an der Kasse schneller ist? Gehen wir auch einmal bewusst in ein Fast-Food-Restaurant (ja, das klingt widersprüchlich!), statt am Autoschalter noch ein wenig schneller bedient zu werden?

Ja, wir müssen in Teilbereichen unseres Lebens entschleunigen - und das schleunigst.

"Die Entdeckung der Langsamkeit" heisst ein 1983 erschienener Roman des deutschen Schriftstellers Sten Nadolny. Komplexität, Effektivität, Hast, Hektik, schneller, höher, weiter, mehr - dem wird nicht nur in diesem Werk die Entschleunigung entgegengesetzt. Dabei geht es den Verfechtern der Langsamkeit nicht um Langsamkeit als Selbstzweck, sondern um angemessene Geschwindigkeiten und Veränderungen in einem umfassenden Sinn: im Umgang mit sich selbst und seinen Werten, mit den Mitmenschen und mit der umgebenden Natur. Entschleunigung zeigt Merkmale von Muße und "Faulheit", ohne zugleich die diesen Begriffen innewohnenden negativen Komponenten zu betonen. Interessant, dass sich sogar ein Öffnet einen externen Link in einem neuen Fenster"Verein zur Verzögerung der Zeit" etabliert hat.

Natürlich soll dieser Beitrag nicht dazu aufrufen, sich in einen organisierten "Kampf gegen die Hektik" zu begeben. Aber er soll durchaus ein Impuls sein, sich und anderen (mehr) Zeit zu schenken, innezuhalten, Werte zu sortieren, festzustellen, dass nicht in allen Lebensbereichen das Prinzip "höher, schneller, weiter!" gilt. Auch der Langsamkeit wohnt eine besondere Kreativität inne. Früher sagte man dazu auch: "Gründlichkeit".

Es wird Zeit, langsam zum Ende zu kommen.

In diesem Sinne.

Andreas Hebestreit