Glaube und Kirche

Paul Gerhardt: 400 Jahre jung und brandaktuellSonntag, 11.03.2007

Vor 400 Jahren (12. März 1607) wurde Paul Gerhardt, evangelisch-lutherischer Theologe und neben Martin Luther einer der bedeutendsten deutschsprachigen Kirchenlieddichter, in Gräfenhainichen im Kurfürstentum Sachsen geboren.


Paul Gerhardt wurde als zweites von vier Kindern in eine Gastwirtsfamilie geboren. Seine Vaterstadt, seinerzeit noch Henichen genannt, hatte um die Zeit seiner Geburt ungefähr 1000 Einwohner. Sein Vater ernährte die Familie durch die Bewirtschaftung eigenen Gartenlands; er engagierte sich zudem im Rat der Stadt und wurde zu einem der drei Bürgermeister gewählt. Paul besuchte die Stadtschule, in der er sich Grundkenntnisse in der lateinischen Sprache und im Chorgesang erwarb. Wie viele andere Familien hatten auch die Gerhardts unter den Folgen der großen europäischen Tragödie des siebzehnten Jahrhunderts, des Dreißigjährigen Krieges – Hungersnot, Seuchen und den Übergriffen der Soldaten – zu leiden; 1619 starb sein Vater, 1621 die Mutter. Etwa die Hälfte seines Lebens sollte Gerhardt von den Kämpfen, Nöten und ihren Folgen geprägt werden – eine Zeit, die sich in vielen seiner von Unerschütterlichkeit geprägten Lieder widerspiegeln sollte.

 

Paul Gerhardt wurde am 4. April 1622, wie schon sein Bruder zwei Jahre zuvor, in die Fürstenschule St. Augustin in Grimma aufgenommen und zeichnete sich durch Fleiß und Gehorsam aus; man bescheinigte ihm das Talent, sich den geforderten Aufgaben zu stellen. Drei Tage nach seiner erfolgreichen Prüfung verließ Gerhardt am 15. Dezember 1627 die Fürstenschule mit den nötigen Voraussetzungen für das Studium an einer Universität.

 

Gerhardt entschied sich für ein Studium der Theologie an der lutherischen Universität Wittenberg, wo er sich am 2. Januar 1628 immatrikulierte. Gerhardt war bereits im Elternhaus und in Grimma der Theologie der reinen lutherischen Lehre begegnet und fand in Wittenberg bedeutende Lehrer der Lutherischen Orthodoxie. Er wurde zudem an der philosophischen Fakultät aufgenommen. Dort lernte Gerhardt, dass sich lutherische Rechtgläubigkeit und poetisch geformte Frömmigkeit keineswegs ausschließen. Die persönliche Aneignung von Wort und Wahrheit der Bibel in Formen barocker Poesie und Rhetorik sollte sich später in Gerhardts Liedtexten wiederfinden.

 

Aufgrund von Geldsorgen nahm Gerhardt nachfolgend eine Anstellung als Hauslehrer an und zog in dessen Haus ein. In Wittenberg hatten viele Menschen vor den Folgen des Krieges Zuflucht gesucht, im Jahr 1636/37 grassierte die Pest. Das Kirchenamt musste für die Pesttoten eigene Sterbebücher anlegen. Paul Gerhardts nahe gelegene Heimatstadt wurde am 11. April 1637 von schwedischen Soldaten vollständig zerstört. Am 7. November 1637 starb Gerhardts Bruder Christian. Die Erfahrungen in Wittenberg wirkten auf Gerhardt prägend.

 

Um 1643 zog es Gerhardt nach Berlin. Die Stadt war durch den Dreißigjährigen Krieg stark in Mitleidenschaft gezogen; Pest, Pocken und die Bakterienruhr reduzierten die Bevölkerungszahl von 12.000 vor dem Krieg auf 5.000 Einwohner bei Kriegsende. Hier fand Gerhardt bei einem Kammergerichtsrat erneut eine Anstellung als Hauslehrer.

 

Gerhardt verfasste unter den Eindrücken der Kriegsereignisse und ihrer schrecklichen Folgen weitere Liedtexte und entwickelte sich dabei auch theologisch. Dabei beteiligte er sich an der geistlichen und geistigen Erbauung seiner Zeitgenossen, indem er ihnen in seinen Liedern neuen Mut und Hoffnung geben wollte. Seinen seelsorgerisch geistlichen Beitrag leistete Gerhardt vor allem an der Berliner Nikolaikirche. Hier wirkte seit 1622 Johann Crüger als Kantor. Zwischen ihm und Gerhardt entstand eine langjährige freundschaftliche Zusammenarbeit, dessen Früchte noch heute in der kongenialen Vertonung der Texte von Paul Gerhardt durch Johann Crüger hörbar sind.

 

Nach dem Tod des langjährigen 1. Mittenwalder Pfarrers 1651 und einer gewissen Erholung von den Kriegsfolgen setzte sich der Rat der Stadt in der Frage der Neubesetzung der Pfarrstelle mit dem Berliner Konsistorium in Verbindung. Dieses empfahl den theologischen Kandidaten Paul Gerhardt, der in der Berliner Gemeinde durch Fleiß und Gelehrsamkeit als lutherischer Theologe ein untadeliges Zeugnis erworben und sich beliebt gemacht hatte. Daraufhin wurde er am 30. November in sein Amt in Mittenwalde eingeführt.

 

Neben seiner pfarramtlichen Tätigkeit pflegte er auch in Mittenwalde die Liedkunst. 1653 erschien die fünfte Auflage von Crügers Gesangbuch, in dem sich 64 neue Lieder von Gerhardt befanden. Während dieser Zeit verfasste er unter anderem das Passionslied „O Haupt voll Blut und Wunden“, das in der 6. Auflage von Crügers Gesangbuch 1656 erschien und heute zum Weltkulturerbe gerechnet wird.

 

Am 11. Februar 1655 heiratete er Anna Maria (* 19. Mai 1622). Im Jahr darauf, am 19. Mai 1656, bekam das Paar eine Tochter, Maria Elisabeth, die bereits ein halbes Jahr später am 28. Januar 1657 starb. Dem Paar wurden noch vier weitere Kinder geboren, von denen drei, Anna Catharina, Andreas Christian und Andreas, ebenfalls bald verstarben; als einziger überlebte der Sohn Paul Friedrich seine Eltern.

 

Diese und auch die folgenden Jahre sind wohl als die schwierigsten im Leben von Paul Gerhardt zu bewerten. Durch einen Streit mit der (reformierten) Obrigkeit verlor er seine Stelle als Pfarrer an der Nikolaikirche. Noch wesentlich schlimmer trifft ihn der Tod seiner Frau Anna Maria, die am 5. März 1668 im Alter von erst 46 Jahren starb und Paul Gerhardt mit dem Sohn Paul Friedrich allein zurück ließ.

 

Noch im selben Jahr wird seine Stelle an der Nikolaikirche endgültig neu besetzt. Da trifft es sich, dass der Rat der Stadt Lübben ihn zum Erzdiakon beruft. Dort verbrachte er seine letzten Lebensjahre in bescheidenen Verhältnissen. Dennoch hat er stets seine geistlich-seelsorgische Arbeit erledigt und die organisatorischen Kirchenangelegenheiten geklärt.

 

Gerhardt starb in seinem 70. Lebensjahr am 27. Mai 1676 in seiner Lübbener Pfarrwohnung. Er wurde im Chorraum nahe dem Altar seiner letzten Wirkungsstätte beigesetzt, die seit 1930 seinen Namen trägt. Die Beisetzung erfolgte jedoch erst am 7. Juni 1676.

 

Gerhardts geistlicher Nachlass ist von unschätzbarem Wert. Gut 120 später vertonte Gedichte hat er geschrieben, von denen sich etliche auch – teilweise (leider) gekürzt oder redigiert – im neuapostolischen Gesangbuch finden lassen. Eine Übersicht ist am Ende dieses Artikels beigefügt. Angefügt ist ferner die ungekürzte Fassung des weltbekannten Liedes „Befiel du deine Wege“. Man achte auf die fettgedruckten ersten Worte einer jeden Strophe…

 

Gerhardts Lyrik, die sich einer ebenso bildhaften wie anschaulichen Sprache bedient, behandelt die christliche Kirche, die Tages- und Jahreszeiten, das Ehe- und Familienleben. Mit dem Adventslied „Wie soll ich dich empfangen“ beginnt er das Kirchenjahr, es folgen Weihnachtslieder wie „Fröhlich soll mein Herze springen“ und „Ich steh an deiner Krippe hier“, denen das erschütternde Passionsgedicht „O Haupt voll Blut und Wunden“ gegenübertritt. Das Oster- und Pfingsterlebnis verbindet sich mit der Freude an der erwachenden Natur, mit deren Tieren und Pflanzen sich Gerhardt vertraut fühlte. In „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ zeigt er das sommerlich blühende Land; er schildert Regentage und Sonnenschein, Erdenleid und Erdenglück. Er singt das Lob der Hausfrau; er tritt aber auch zu den Eltern am Grabe ihres Kindes oder lässt das verstorbene Kind zu seinen Eltern sprechen.

 

Bei allen Schicksalsschlägen predigt Gerhardt Zufriedenheit, Geduld und Gottvertrauen, das besonders in seinen Trostgesängen zum Ausdruck kommt, etwa in „Gib dich zufrieden und sei stille”, „Warum sollt ich mich denn grämen“, „Ich bin ein Gast auf Erden“, und in dem Reiselied „Befiehl du deine Wege“ seinen glaubensstarken Ausdruck bekommt. Auch die Kriegsnot und die Sehnsucht nach Frieden spiegeln sich in Gerhardts Lyrik wider, am Ende des Dreißigjährigen Krieges dichtete er das Danklied „Gott Lob, nun ist erschollen das edle Friede und Freudenwort“.

 

Obwohl Paul Gerhardt einer geistigen und dichterischen Zeit angehört, die uns fern zu liegen scheint, lebt er heute noch unmittelbar im Bewusstsein seiner Werke fort. Seine Lieder sind tief religiösen Charakters und entsprechen damit ganz der Eigenart seiner religiös orientierten Zeit. Ohne weiteres steht ihm das Verdienst zu, die Entwicklung vom Bekenntnislied zum Andachtslied und das zuversichtliche Preis- und Gedankgebet gefördert zu haben. Seine Gedichte haben sich zu Volks- und Familienliedern christlichen Glaubens entwickelt. Sie geben Worte zu Lob und Dank und spenden Trost im Leid.

 

Gerhardts Dichtungen haben nicht nur die Zeiten überdauert, sondern sind grenzübergreifend zwischen konfessionellen und sprachlichen Schranken geworden. So wurden sie in die holländische, französische, englische, spanische, aber auch in afrikanische, asiatische und in andere Sprachen übersetzt. Sie fanden Eingang in katholische Gesangbücher, und auch in der reformierten Kirche werden sie gesungen. Damit ist Gerhardt zum ökumenischen Dichter geworden. Gerhardt hat für fast jede Festgelegenheit gedichtet. Die ständige Auseinandersetzung mit seinen Texten macht ihn daher allgegenwärtig.

 

Spuren Gerhardts finden sich vielen deutschen Städten und Gemeinden an Schulen, Kindergärten, Häusern, Straßen, Kirchen und Gemeinden. Diese Einrichtungen halten den Namen Paul Gerhardts im Andenken der Menschen aufrecht. Günter Grass hat Paul Gerhardt 1979 in seinem Werk Treffen in Telgte ein literarisches Denkmal gesetzt. Er beschreibt Paul Gerhardt darin als Gesellschaftskritiker.

 

Im Jahr 2007 wird Gerhardts 400. Geburtstag gefeiert. Dieser Beitrag soll dazu dienen, Paul Gerhardt Dank zu sagen für sein unvergessliches Lebenswerk.

 

Als dieser 1668 in Lübben seine Probepredigt hielt, wurde als Textlosung für diesen Sonntag Epheser 5, 19 + 20 vorgegeben:

 

„Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern, singt und spielt dem Herrn in eurem Herzen und sagt Dank Gott, dem Vater, allezeit für alles, im Namen unseres Herrn Jesus Christus.“

 

So sei es.

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Lieder im neuapostolischen Gesangbuch:

 

146a Befiehl du deine Wege

 

146b Befiehl du deine Wege

 

78 Der Geist, den Gott vom Himmel gibt

 

257a Du, meine Seele, singe

 

257b Du, meine Seele, singe

 

16 Fröhlich soll mein Herze springen

 

148 Geduld ist euch vonnöten

 

149 Gib dich zufrieden und sei stille

 

258 Ich singe dir mit Herz und Mund

 

17 Ich steh an deiner Krippen hier

 

150 Ist Gott für mich, so trete

 

19 Kommt und lasst uns Christus ehren

 

151 Lobet den Herren alle, die ihn ehren

 

29 Nun lasst uns gehn und treten

 

323 Nun ruhen alle Wälder

 

43 O Haupt voll Blut und Wunden

 

259 Sollt ich meinem Gott nicht singen

 

152 Warum sollt ich mich denn grämen

 

44 Wer hat dich so geschlagen

 

3 Wie soll ich dich empfangen

 

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Befiehl du deine Wege

 

Befiehl du deine Wege

Und was dein Herze kränkt,

Der allertreusten Pflege

Des, der den Himmel lenkt!

Der Wolken, Luft und Winden,

Gibt Wege, Lauf und Bahn,

Der wird auch Wege finden,

Da dein Fuß gehen kann.

 

Dem Herren mußt du trauen,

Wenn dir’s soll wohlergehn;

Auf sein Werk mußt du schauen,

Wenn dein Werk soll bestehn.

Mit Sorgen und mit Grämen

Und mit selbsteigner Pein

Läßt Gott sich gar nichts nehmen,

Es muß erbeten sein.

 

Dein’ ew’ge Treu’ und Gnade,

O Vater, weiß und sieht,

Was gut sei oder schade

Dem sterblichen Geblüt;

Und was du dann erlesen,

Das treibst du, starker Held,

Und bringst zum Stand und Wesen,

Was deinem Rat gefällt.

 

Weg’ hast du allerwegen,

An Mitteln fehlt dir’s nicht;

Dein Tun ist lauter Segen,

Dein Gang ist lauter Licht,

Dein Werk kann niemand hindern,

Dein’ Arbeit darf nicht ruhn,

Wenn du, was deinen Kindern

Ersprießlich ist, willst tun.

 

Und ob gleich alle Teufel

Hier wollten widerstehn,

So wird doch ohne Zweifel

Gott nicht zurückegehn;

Was er sich vorgenommen,

Und was er haben will,

Das muß doch endlich kommen

Zu seinem Zweck und Ziel.

 

Hoff, o du arme Seele,

Hoff und sei unverzagt!

Gott wird dich aus der Höhle,

Da dich der Kummer plagt,

Mit großen Gnaden rücken;

Erwarte nur die Zeit,

So wirst du schon erblicken

Die Sonn’ der schönsten Freud’.

 

Auf, auf, gib deinem Schmerze

Und Sorgen gute Nacht!

Laß fahren, was dein Herze

Betrübt und traurig macht!

Bist du doch nicht Regente

Der alles führen soll;

Gott sitzt im Regimente

Und führet alles wohl.

 

Ihn, ihn laß tun und walten,

Er ist ein weiser Fürst

Und wird sich so verhalten,

Daß du dich wundern wirst,

Wenn er, wie ihm gebühret,

Mit wunderbarem Rat

Die Sach’ hinausgeführet,

Die dich bekümmert hat.

 

Er wird zwar eine Weile

Mit seinem Trost verziehn

Und tun an seinem Teile,

Als hätt’ in seinem Sinn

Er deiner sich begeben,

Und sollt’st du für und für

In Angst und Nöten schweben,

Frag’ er doch nichts nach dir.

 

Wird’s aber sich befinden,

Daß du ihm treu verbleibst

So wird er dich entbinden,

Da du’s am mind’sten gläubst;

Er wird dein Herze lösen

Von der so schweren Last,

Die du zu keinem Bösen

Bisher getragen hast.

 

Wohl dir, du Kind der Treue!

Du hast und trägst davon

Mit Ruhm und Dankgeschreie

Den Sieg und Ehrenkron’.

Gott gibt dir selbst die Palmen

In deine rechte Hand,

Und du singst Freudenpsalmen

Dem, der dein Leid gewandt.

 

Mach End, o Herr, mach Ende

An aller unsrer Not,

Stärk unsre Füß’ und Hände

Und laß bis in den Tod

Uns allzeit deiner Pflege

Und Treu’ empfohlen sein,

So gehen unsre Wege

Gewiß zum Himmel ein.

 

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Weiterführende links:

http://www.luebben.de

http://www.Paul-gerhardt-jahr.de

http://www.Paul-gerhardt-gesellschaft.de

 

Literatur (Auswahl):

 

http://www.bischoff-verlag.de/dbw/public_bischoff/Homepage/$frameset/start

ANDREAS HEBESTREIT