Glaube und Kirche
Weltfriedenstag - ImpulseMontag, 21.09.2009
Anlässlich der Andacht zum Weltfriedenstag hielt der Berichtverfasser einen Kurzvortrag, der nachfolgend wiedergegeben wird.
Ich erinnere mich noch recht gut an diesen Tag, auch wenn es fast vierzig Jahre her ist. Der drei Jahre ältere Junge aus der Nachbarschaft, mir aus diffusen Gründen nicht gut gesonnen, kreuzte meinen Rückweg von der Schule und begann sofort, vom normalen Gehen in schnelleres Laufen zu wechseln. Gestik und Mimik ließen mich erkennen, dass sein zügiges Annähern nicht von Wohlwollen begleitet war. Als er einen dickeren Ast aufhob, der irgendwo am Wegesrand lag, war mir klar, dass eine Begegnung nicht gut enden würde. Schon gar nicht, wenn sich, wie an diesem Tag, keine Schulfreunde in meiner Begleitung befanden. Die Daumen in die Gurte des Tornisters eingehakt, beschleunigte ich den Schritt vom Traben bis hin zum schnellen Laufen – noch einige hundert Meter vom Elternhaus entfernt.
Immer wieder zurückschauend stellte ich fest, dass es knapp werden würde. Die Entfernung zwischen dem Jungen und mir reduzierte sich zusehends. Als ich das elterliche Grundstück erreichte, war mir klar, dass die nicht einmal mehr 20 Meter Abstand keinesfalls ausreichen würden, um an der Haustür zu klingeln und abzuwarten, bis jemand öffnete.
Ein Geräteschuppen auf dem Hinterhof stand offen. Ich hastete hinein und verriegelte die Holztür von innen mit einem eisernen Bolzen. In Sicherheit. Nur Sekundenbruchteile später hörte ich, wie ein Holzknüppel an der Tür zerbarst – mit einer wutentbrannten Bemerkung, die ich hier nicht weiter zitieren will.
Die dann eintretende scheinbare Ruhe erschien mir trügerisch. Nicht zu wissen, was vor der Tür noch wartete, beruhigte sich mein schnell klopfendes Herz nur mühsam.
Nach endlos erscheinender Zeit ungewissen Wartens zerschnitt eine Stimme die Stille: „Verschwinde hier – sofort“!
Es war mein Vater, und mir war klar, wen er damit meinte und wem er da „Beine machte“.
Ein Klopfen an der Tür und „Andreas, er ist weg!“ ließen mich tief durchatmen. Ich zog den Riegel aus der Türschließe und atmete erleichtert aus.
Heute denke ich ab und an zurück an diesen Tag, wenn ich die Begebenheit aus Johannes 20, Verse 19 ff. lese:
"Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen. Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch!"
Ich finde mich wieder in dieser Ostergeschichte aus dem Johannesevangelium. Für mich ist es sehr ermutigend, dass hier auch von Angst im Glauben und von Feigheit die Rede ist. Ich bin froh, dass da, weil es so menschlich nachvollziehbar ist, von geschlossenen Türen erzählt wird. Von Furcht, aber auch von dem Eintreten des Einen, der mit wenigen Worten das bringt, was nötig ist: Friede. Von dem, der nicht die Angst kritisiert, sondern weiß, was die Männer hinter der Tür beschäftigt, was sie nötig haben: Das Ausräumen von Zweifeln, von Lebensängsten, von Unfrieden. Jesus trat mitten unter sie und sorgte für die Erfüllung der einen verbleibenden Sehnsucht in der Not. Er sorgte für … Frieden.
Heute, am 21. September, soll nicht nur hier diesem kostbaren Gut „Frieden“ zu einer Landmarke verholfen werden. Am 21. September 1981, dem Tag der damaligen Vollversammlung der UNO, verkündete die Generalversammlung:
„Dieser Tag soll offiziell benannt und gefeiert werden als Weltfriedenstag (International Day of Peace) und soll genützt werden, um die Idee des Friedens sowohl innerhalb der Länder und Völker als auch zwischen ihnen zu beobachten und zu stärken.“
Nach einer weiteren Resolution wurde von der UNO entschieden: Der Weltfriedenstag soll ab 2002 jedes Jahr am gleichen Tag, dem 21. September, gefeiert werden.
Seit 2004 ruft der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) alle Kirchen zudem dazu auf, jährlich den 21. September zu einem Internationalen Tag des Gebets für den Frieden zu machen,
„als eine Möglichkeit, die Zeugniskraft der Kirchen und Glaubensgemeinschaften den vielen Kräften der weltweiten Bewegung für Frieden und Gerechtigkeit hinzu zu fügen“.
Diesem Ringen um den Frieden, sei es im Kleinen, sei es in großen Zusammenhängen, will sich die Neuapostolische Kirche nicht entziehen. Heute soll hier in Herten-Westerholt ein bescheidener Akzent gesetzt werden im Eintreten für den Frieden in uns. Für den Frieden um uns. Für den Frieden in der Familie, im Haus. Für den Frieden in der Stadt, im ganzen Land, in der weiten Welt.
Wie bitter nötig es ist, für den Frieden und die Gerechtigkeit einzustehen, zeigen die jüngsten Ereignisse in München. Dominik Brunner trat mutig ein für den Frieden und schaute nicht weg, als Kinder von brutalen Soziopathen bedroht wurden. Er bezahlte dafür den höchsten Preis – mit seinem Leben. "Sein Tod ist Mahnung gegen Gleichgültigkeit, Brutalität und Gewalt" merkte der bayerische Ministerpräsident in einem Nachruf an. Nein, sinnlos war sein Handeln nicht. Er hatte vier Kinder vor brutalen Übergriffen beschützt. Auch der Amoklauf in Ansbach zeigt, wie zerbrechlich der Friede in einem sonst doch recht sicheren Land ist.
Ich frage mich in den letzten Tagen häufiger, was ich bereit bin, für den Frieden einzusetzen. Reicht es nur zu einem verschämten Wegsehen, zu einem inneren Wechseln der Straßenseite, oder gibt das Christsein Kraft, hinzuschauen, zu helfen, zu handeln? Wer wegsieht, scheitert in seiner Passivität genau so am Unfrieden, wie der aggressive Geist, der ihn schürt. Er scheitert in seiner Verzagtheit so, wie Politik letztlich scheitert, wenn sie Krieg führt, um sich durchzusetzen. Wegsehen und gewaltsames Handeln werden so zu zwei Kehrseiten ein und derselben Münze, mit der Blutzoll gezahlt wird.
Dieser Tag soll Mut dazu machen, als aktiver Christ auch in angespannten Situationen oder Zeiten der Bedrängnis für uns und andere den Weg des Friedens zu gehen und auf Konflikte mit Antworten und Taten aus dem Glauben zu reagieren. Widerstand zu leisten gegen den Unfrieden ist nicht ungehörig, es ist tiefste Pflicht eines Christen.
Nur selten wird es hoffentlich Situationen geben, die denen gleichen, die Dominik Brunner erleben musste. Das heißt jedoch nicht, den Wunsch nach Frieden auszusitzen und abwartend zu hoffen, dass sich etwas bessert in dieser Welt.
An diesem Tag, an diesem Abend wird weltweit eingetreten für den Frieden – vielfach im Gebet. Welch ein gewichtiges Pfund, Gott mit in das Boot zu nehmen, wenn es um eine von ihm selbst aufgestellte Grundtugend geht!
Und es werden Hausaufgaben verteilt – für jeden Einzelnen. Gern darf ich dafür aus dem Römerbrief des Apostels Paulus zitieren.
Er schreibt – zeitlos und damit auch für uns voll gültig - im 12. Kapitel ab Vers 17:
„Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist`s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. […] Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“.
Ich wünsche mir und uns allen, dass diese Stunde durch neue Impulse einen Beitrag leistet zu aktiver Friedfertigkeit. Dass sie uns befähigt, in unseren Gebeten bewusst für den Frieden, an welcher Baustelle auch immer, einzutreten. Dass sie uns den Mut gibt, aktiv für den Frieden einzustehen, wenn Unfriede uns oder unserem Nächsten zu schaffen macht. Und dass sie uns die Kraft gibt, das Eintreten für den Frieden nicht abzuwägen gegen das bequeme Wegsehen.
Franz von Assisi hat vor etwa 900 Jahren in einem auch heute noch sehr frisch klingenden Gebet zum Ausdruck gebracht, wonach zu trachten ist. Und mit diesem Gebet will ich schließen:
Herr, mache mich zu einem Werkzeug deines Friedens,
dass ich liebe, wo man hasst,
dass ich verzeihe, wo man beleidigt,
dass ich verbinde, wo Streit ist,
dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist,
dass ich Glauben bringe, wo Zweifel droht,
dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält,
dass ich Licht entzünde, wo Finsternis regiert,
dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.
Herr, lass mich trachten
nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste,
nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe,
nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe.
Denn wer sich hingibt, der empfängt,
wer sich selbst vergisst, der findet,
wer verzeiht, dem wird verziehen,
und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.
(Franz von Assisi)
Andreas Hebestreit
