Glaube und Kirche
Der Stille zuwendenSonntag, 22.05.2011
„Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit; suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit; zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.“
Diese großartigen Worte aus der Heiligen Schrift, entnommen dem Buch „Der Prediger Salomo“, beschreiben uns, wie wichtig im Leben eines Menschen „die rechte Zeit“ ist, um etwas zu tun. Sie machen aber auch deutlich, dass alles, was unser Leben prägt, sich freudevoll und warm anfühlt, aber auch kalt und schmerzhaft einschneiden kann, letztlich in Gottes Hand liegt: Die Geburt, der Tod. Aussaat, Ernte. Lachen, weinen. Reden, schweigen. Streit, Friede. Gegensatzpaare, die unseren Alltag prägen, unser Dasein, unsere Fähigkeit, innerlich zu wachsen, maßgeblich polarisieren, uns in einem Spannungsfeld von Bewegung und Ruhe halten.
Findet ein rastloser Geist nicht Momente der tiefen Entspannung, so erschöpft er sich genauso wie ein Körper, der nicht unentwegt beansprucht werden kann, ohne sich zwischendurch zu erholen.
Die Stille ist es, die Zerstreutes wieder zu bündeln vermag. Stille schickt uns auf den Weg zu uns selbst oder auch zu Gott, Stille streichelt unsere Seele, Stille heilt, gibt unseren verloren gegangenen Kräften neuen Raum.
So wie der Künstler in der Stille eine Quelle der Inspiration zu finden vermag, neue schöpferische Entfaltung erfährt, weiß der Gläubige sich im stillen Gebet und der Versenkung, heraus aus dem Karussell des Lebens, Gott nah, erfährt ein großes Gefühl der Weite und der Freiheit, kann die Flügel der Seele ausbreiten und sich von den Fesseln der Zeit befreien.
Wen wundert es daher, so könnte man denken, dass Gott selbst am sogenannten siebten Tage ruhte, die Stille suchte. Wen wundert es, dass Gott Elia am Horeb nicht in einem großen, starken Wind erschien, nicht in einem Erdbeben, nicht im Feuer, sondern in einem stillen, sanften Sausen? Wen wundert es, dass Jesus Christus im Bewusstsein der nahenden Verhaftung und der Hinrichtung am Kreuz die Stille des Gartens Gethsemane suchte, um dort zu beten?
Die Stille ist ein Geschenk Gottes – und sie hat keinen teuren Preis.
„In der Stille der Nacht fällt lautlos der Schnee. Welch ein Konzert“ – las ich irgendwo in einem Buch. Wie treffend.
Von Herzen seien sie jedem gewünscht: Momente der Stille, der Besinnung und der Hinwendung der Gedanken zu Gott, aber auch an jene, die uns in aller Stille verlassen haben und uns schweigend nah sind, dazu dienen, neuen Raum für uns entdecken, Raum wie ein tiefes Atmen:
Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus…
Andreas Hebestreit
